Auszug aus dem   Augusto   Nr. 7   Ausgabe 2005

 

Leibkoch für einen Abend

von Heike Bojunka

 

Falk Nötzold zaubert Menüs in fremden Küchen

 

Wer jemals mehrere Freunde daheim bekochen wollte, kennt die Wahrheit: Mit leicht gerötetem Gesicht begrüßt man hek­tisch die Gäste, um sogleich wieder in der Küche zu verschwin­den, die am Schluss des Abends einem Schlachtfeld gleicht. Vom Menü selbst bekommt man wenig mit, schließlich ist man ge­danklich immer schon beim nächsten Gang. Gastgeber finden keine Ruhe, vom schicken Aussehen ganz zu schweigen, die Kon­versation bestreiten die Gäste allein.

Schluss damit! Warum den ganzen Stress, wenn man sich ei­nen Koch mieten kann - selbst wenn es nur für einen Abend ist. In Dresden stehen gleich mehrere zur Auswahl, auf gut Glück entscheide ich mich für Falk Nötzold, der hauptberuflich das Restaurant des Max-Planck-Instituts leitet. Ganz wie zu groß­bürgerlichen Zeiten gibt es ein Vorgespräch zur Menüfolge, bei dem auch meine Küche besichtigt wird. Bei der Gelegenheit er­fahre ich, dass man hier locker für 20 Personen kochen könnte. Da der Koch meine kulinarischen Vorlieben nicht kennt, fragt er nicht nur nach dem Anlass (netter Abend mit Freunden), son­dern hakt nach, was ich gerne esse. „So mancher kann sich als Vorspeise halt nur Suppe oder Salat vorstellen", sagt mein zu­künftiger Leibkoch, „da mache ich dann Vorschläge." Gut, ich möchte etwas mit Gemüse. Er empfiehlt ein Törtchen von Sel­lerie und Wachtel, gefolgt von einem Korianderschaumsüpp­chen mit gefüllter Mini-Zucchini. Hört sich lecker an.

Beim Hauptgang schwanke ich zwischen Fisch und Fleisch. Auswählen kann ich zwischen Hirschmedallions, gefüllt mit ge­trockneten Tomaten, dazu Schalottenkonfit und Kartoffelsäckchen. Dass Konfit bloß ein vornehmeres Wort für Kompott ist, kann man bei der Gelegenheit auch gleich lernen. Zum Heil­butt könnte es eine Kartoffel-Mascarpone-Mousseline (Püree) geben und Grappa-Spinat mit Pinienkernen. Ganz kühn und mit Blick auf meinen Besuch entscheide ich mich für die kross gebratene Entenbrust mit gegrillter Ananas und Paprika-Kokos-Gemüse. Jetzt müssen noch praktische Fragen geklärt werden. Ob er Geschirr, Gläser oder Tischwäsche mitbringen soll, fragt Nötzold. Habe ich da, antworte ich, auch für den Wein will ich sorgen. Bleibt eine heikle Frage: Was kostet das alles? „Für Vorbereitung und das Zubereiten brauche ich vier bis fünf Stun­den", überschlägt Nötzold. Die Stunde kostet bei ihm 20 Euro. Pro Person kommen noch mal etwa 25 Euro für Lebens­mittel dazu. Bei zwei Personen macht das 150 Euro. Ohne Getränke. Ganz schön luxuriös. „Mit mehr Leuten wird es pro Person billiger", tröstet der Koch. „Schließlich bleibt die Vor­bereitungszeit die gleiche."

Eine Woche später: Es klingelt, vor der Tür steht Falk Nöt­zold im entzückenden weißen Koch-Outfit, beladen mit drei Kisten voller Töpfe, Schüsseln, weiterer Utensilien. Man sieht sofort: Ein Profi rückt an. Er beginnt augenblicklich, sich in meiner Küche häuslich einzurichten. Ich drücke mich in der Küchentür herum, irgendwie unentschlossen und überhaupt nicht Grande Dame: Nicht so einfach, einem wildfremden Mann die eigene Küche zu überlassen.

Mein Mietkoch packt fröhlich plaudernd Töpfe und Pfannen aus. Er hat wirklich alles mitgebracht. Sogar Salz, Küchenrolle, Spülmittel und einen eigenen Mülleimer. Jetzt zaubert er ein rie­siges Schneidbrett hervor, setzt den Reis auf und platziert die Geflügeljus zum Aufwärmen auf dem Herd. Ein - selbstver­ständlich mitgebrachtes - Messer wird gezückt: Die Ananas ist dran. Nun könnte ich eigentlich zu meinen Gästen gehen, doch irgendwie ist das hier auch ein integrierter Kochkurs. „Die Leu­te fragen gerne nach", bestätigt er lachend. Fachmännisch zer­legt Nötzold die Tropenfrucht. „Pling", meldet sich sein Tele­fon. „Das ist meine Koch-Hotline." Hier können die Teilnehmer seiner Kochkurse anrufen und nachfragen, was man tun soll, wenn das Risotto gerade anbrennt oder die Mayonnaise gerinnt.

Die Ananas schmurgelt in der Pfanne, es duftet. Die Enten­brust wird kross gebraten und zum Ruhen auf einen Rosma­rinzweig gebettet. Jetzt leiht sich mein Koch doch tatsächlich etwas aus meiner Küche: Alufolie, um die Ente einzuwickeln. Bald ist die Vorspeise angerichtet, die ich unter fachkundiger Begleitung servieren darf. Entspannt probiere ich das Sellerie-Wachtel-Törtchen: Hauchzarte Creme sitzt auf hausgemach­tem Baumkuchen, begleitet von Frisee-Salat mit Himbeeressig, gekrönt von frischen Johannisbeeren. So langsam weiß ich mei­nen Privatkoch zu schätzen. Während ich hier munter mit mei­nem Besuch speise und mich auf das Korianderschaumsüpp­chen freue, schnippelt er nämlich in der Küche Paprika und bereitet den Hauptgang zu. Von der Vorstellung, ich sei in der Küche unentbehrlich, habe ich mich längst verabschiedet. Stattdessen piekse ich lustvoll in die rosa gebratene Entenbrust und schmiede mit meiner Tischnachbarin Urlaubspläne.

Während wir die dritte Flasche Wein aufmachen, schaut Nötzold vorbei, um sich zu verabschieden. Die Küche ist blitzblank aufgeräumt, die Utensilien sind in den großen Kisten verschwunden, der Herd ist sauber, sämtliches Geschirr steht in der Spülmaschine. Wirklich schade, dass er schon gehen muss.

Morgen heißt es wieder selber kochen. Leider.

 

Adresse:

KochAgentur

Falk Nötzold

Wittenberger Str. 78

01309 Dresden

Tel: 0351/ 312 55 75 oder 0172/3530410

www.kochagentur.info